Vorwort

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

für Menschen, die unter dem erblichen oder traumabedingten Verlust des Kopfhaares leiden, kann dies zu einem Leidensdruck führen, der sie intensiv nach einer Lösung für dieses Problem suchen lässt. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass jedes medizinische Verfahren, das für die Restauration des Haarverlusts infrage kommen kann, mit gewissen Risiken für den Patienten behaftet ist. In diesem Zusammenhang sollte die gewissenhafte Aufklärung eines jeden Patienten eine Selbstverständlichkeit für alle Chirurgen und Mediziner sein, die derartige Leistungen in ihrem Portfolio anbieten.

Leider muss ich bei der Recherche gerade im Internet immer wieder feststellen, dass eine nicht geringe Anzahl an Anbietern dieser ihnen übertragenen Verantwortung zur nachhaltigen Aufklärung nicht nachkommt. Das führt schlussendlich dazu, dass Patienten, die unter Haarverlust leiden, immer noch mit fragwürdigen Methoden behandelt werden. Diese werden als schnell, günstig und nachhaltig angepriesen, was vor allem die Implantation von Kunsthaar betrifft. Nun ist es jedoch so, dass mit dieser Methode schnelle und ernst zu nehmende Komplikationen hervorgerufen werden können, deren nachträgliche Behandlung zudem sehr teuer und zeitaufwendig sein kann. Im schlimmsten Fall kann das Attribut nachhaltig dann nur noch für die Schäden vergeben werden, die eine Kunsthaarimplantation anrichten kann.

Auch wenn die Zahl der Anbieter von Kunsthaarimplantationen in den letzten Jahren eine rückläufige Entwicklung zeigte, gibt es nach meinem Dafürhalten noch immer zu viele unseriöse Anbieter, die versuchen, Kunden mit „Schnäppchen“-Angeboten zu ködern und dies bedauerlicherweise auch oft genug schaffen. Auf Basis meiner persönlichen Erfahrung werden solche Patienten in der Folge auch zu Klienten unserer Klinik, da infolge der Kunsthaarimplantation teilweise katastrophale Schäden entstehen. Aus diesem Grund will ich Sie mit diesem Artikel für die Gefahren einer solchen Behandlung sensibilisieren und Sie dazu ermutigen, mehr als eine Meinung zur Behandlung des Haarverlusts einzuholen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Freude bei der Lektüre!

Herzlichst
Ihre Angela Lehmann

Was ist eine Kunsthaarimplantation und wie läuft sie ab?

Eine Kunsthaarimplantation bezeichnet ein chirurgisch-ästhetisches Behandlungsverfahren, das bei Menschen angewendet wird, die unter Haarausfall (Alopezie) leiden. Die Ursache für den Haarausfall ist für die Kunsthaarimplantation als Verfahren von nachrangiger Bedeutung. Die Anbieter dieses Verfahrens werben damit, sowohl verletzungs- und traumabedingten Haarverlust als auch die androgenetische Alopezie als natürliche Form des Haarverlusts behandeln zu können. Wie der Name erahnen lässt, basiert die Technik darauf, dass nicht wie bei der von mir durchgeführten Eigenhaarverpflanzung das (noch) vorhandene Haar des Patienten für eine Verpflanzung auf die Empfängerfläche genutzt wird, sondern stattdessen ein künstliches Haar implantiert wird, das der Textur, der Länge und der Farbe nach ausgewählt werden kann. Kunsthaar ist dabei nicht zwangsläufig mit Kunststoffhaar gleichzusetzen. Es gibt sowohl Kunsthaar, das aus Kunststoffpolymeren (Plastik) gewonnen wird, als auch solches, das aus „natürlichen“ Quellen stammt. Dabei ist es eher von nachrangiger medizinischer und gesundheitlicher Bedeutung, aus welcher Quelle das Kunsthaar stammt. Jedoch wird die Quelle des Kunsthaares gerne für Marketingzwecke genutzt. So finden sich im Internet einige Angebote, die mit „Bio-Kunsthaar“ werben, jedoch ist nicht recht nachvollziehbar, was genau an einem Plastikmaterial „bio“ sein soll.

1. Kunsthaar, 2. unspezifisches Binde-/Narbengewebe (potentiell entzündet), 3. Talgdrüse/Talg, 4. Basalschicht (Stratum basale), 5. natürliches Haar, 6. Haarmuskel, 7. Epidermis, 8. Oberhaut, 9. Lederhaut (Dermis), 10. Blutgefässe

Abseits davon ist vielen grösseren Kunsthaarproduzenten gemeinsam, dass sie ihre Produkte mit Kollagen überziehen. Kollagen ist ein Eiweiss, das auch im menschlichen Körper vorkommt und beispielsweise die Elastizität der Haut reguliert. Das Kollagen auf dem Kunsthaar soll angeblich dazu führen, dass das künstliche Haar besser einwächst und die entstandene Verletzung schneller abheilt. Da sich die Hersteller des Kunsthaares über die Risiken einer solchen Behandlung bewusst sind, wird das künstliche Haar zusätzlich mit dem Attribut beworben, dass am Anker der Kunstfaser Silberionen angebracht sind, die eine antimikrobielle Wirkung entfalten und vor Entzündungen schützen sollen. Ein gängiges Material für Kunsthaar ist beispielsweise Polybutylenterephthalat, das angeblich mechanisch sehr belastbar sein soll. Zusätzlich wird damit geworben, dass dieses Material auch bei nicht resorbierenden chirurgischen Nähten, beispielsweise in der Gefässchirurgie, Anwendung finden würde.

Grundsätzlich besteht das Kunsthaar ähnlich dem echten Haar aus einem längeren Haarschaft. Am Ende, das in die Haut verpflanzt wird, befindet sich eine kleine Schlaufe, welche die spätere Verankerung des Haares in der Kopfhaut gewährleisten soll. Zusätzlich soll das Kunsthaar gegenüber alltäglichen chemischen Substanzen und Föhnhitze widerstandsfähig sein.

Die Anbieter einer Kunsthaarverpflanzung schreiben auf ihren Internetseiten, dass die Kunsthaarimplantation ähnlich einer Eigenhaarverpflanzung unter lokalanästhetischer Betäubung stattfindet. Die Implantation wird mit einem speziellen Gerät durchgeführt, das in der Kopfhaut einen Stichkanal erzeugt und so gleichzeitig das Kunsthaar in die Haut einbringt. Dabei erfolgt die Implantation jedes Haares einzeln, wobei jedes Mal ein Wundkanal mit einem Durchmesser von etwa 0,3 Millimetern entstehen soll.

Ist das Kunsthaar dann einmal in die Haut eingebracht, versucht der Körper, den entstandenen Stichkanal zu verschliessen, indem gesunde Zellen in diesen einwandern und ihn schlussendlich mit Bindegewebe füllen. Dabei durchwächst das neue Bindegewebe gleichzeitig die Schlaufe des Kunsthaares, um dieses stärker in der Kopfhaut zu verankern.

Bezüglich der Nachsorge finden sich bei den Anbietern nur wenige Informationen. Angeblich soll es möglich sein, das Kunsthaar genau wie echtes Haar zu modellieren, zu föhnen oder zu frisieren. Jedoch geben manche von ihnen zu, dass es zu einem nicht unerheblichen Verlust von bis 20 Prozent des verpflanzten Kunsthaares pro Jahr kommen kann. Das sind jedoch eher vereinzelte Angaben; inwiefern die Anbieter im Aufklärungsgespräch ehrlicher sind, lässt sich an dieser Stelle nicht beurteilen.

Wie bereits erwähnt, scheuen sich die Anbieter der Kunsthaartransplantation nicht davor, ihre Dienste mit blumigen Worten anzupreisen. Dabei kommen vorrangig die werbewirksamen Prädikate „individuell”, „sofort sichtbar”, „natürlich”, „ästhetisch” sowie „schnell”, „einfach” und „schmerzfrei” zum Einsatz. Diese Aussagen spielen den medizinischen Charakter eines solchen Eingriffs deutlich herunter und lassen es dem Leser solcher Angebote so erscheinen, als würde es sich bei einer derartigen Behandlung um einen Friseurbesuch handeln. Am auffälligsten scheint jedoch bei den Angeboten der stetige Verweis auf die „exzellenten Preis-Leistungs-Verhältnisse“. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist extreme Vorsicht geboten, denn eine der wichtigsten Regeln der Wirtschaft lautet, dass wenn die Anbieter einer Dienstleistung sich gegenseitig im Preiskampf unterbieten, zwangsläufig die Qualität der angebotenen Leistung darunter leiden muss. Seriöse Anbieter einer medizinischen Dienstleistung beziehungsweise Behandlung würden kaum den Preis als Verkaufsargument anführen, da für sie das Patientenwohl die oberste Priorität besitzt und dieses sich nicht als Geldwert ausdrücken lässt.

Das ist jedoch nicht der einzige Grund, aus dem heraus Sie einer Kunsthaartransplantation äusserst kritisch gegenüberstehen sollten. Auf weitere Gründe möchte ich Sie im Folgenden gerne hinweisen.

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Weshalb Sie von Kunsthaarimplantation Abstand nehmen sollten

Wie bereits erwähnt, stellt eine Kunsthaarimplantation einen nachhaltigen Eingriff in den Körper dar und ist aus diesem Grund unter den gleichen vorsichtsgebietenden Gesichtspunkten zu betrachten wie andere medizinische Eingriffe auch.

Sichtbare Entzündungen und Narbengewebe durch Kunsthaarimplantate auf der Kopfhaut eines Mannes

Sichtbare Entzündungen und Narbengewebe durch Kunsthaarimplantate auf der Kopfhaut eines Mannes

Die Idee, verloren gegangenes Haar durch Kunsthaar wieder aufzufüllen, ist relativ alt. So reicht beispielsweise das Patent für ein Gerät, mit dem Kunsthaare in die Kopfhaut gepflanzt werden können und dort von kleinen Schlaufen, wie oben beschrieben, gehalten werden, zurück in das Jahr 1976 (Patentnummer: US 4103365 A). Umso mehr mag es verblüffen, dass die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) die Kunsthaarimplantation in den Vereinigten Staaten bereits im Jahr 1983 verboten hat. Dieses Verbot wurde in Sektion 895.101 des Codes 21 der föderalen Regulierungen der FDA formuliert. Als Gründe für diese Massnahme führt die FDA an, dass die Kunsthaare Risiken für Krankheiten oder Verletzungen infolge der fehlenden Biokompatibilität darstellen und sie nicht den Leistungsanforderungen an medizinische Produkte genügen.

Sichtbare Entzündungen und Narbengewebe durch Kunsthaarimplantate auf der Kopfhaut eines Mannes in Nahaufnahme

Sichtbare Entzündungen und Narbengewebe durch Kunsthaarimplantate auf der Kopfhaut eines Mannes in Nahaufnahme

Darüber hinaus, so die FDA weiter, handelt es sich bei der Verpflanzung um einen betrügerischen Akt (wörtlich: fraud), da das Verfahren mit der irreführenden Verbreitung von Fehlinformationen bezüglich der Effektivität der Behandlung verbunden sei, nur unzureichende Informationen über die Risiken einer Kunsthaartransplantation bestünden und das Verfahren keinen Nutzen für die öffentliche Gesundheit darstellen würde. Diese Bestimmungen wurden trotz der Tatsache, dass es in den dazwischenliegenden 20 Jahren viele angepriesene Fortschritte in der Kunsthaarverpflanzung gab, im Jahr 2016 von der FDA erneut in dieser Form bestätigt. Auf der anderen Seite muss jedoch auch gesagt werden, dass viele Gesundheitsbehörden auf der Welt diese Bedenken nicht teilen und die Kunsthaartransplantation dort weiterhin erlaubt ist. Auf diese Tatsache werden wir später noch einmal zurückkommen.

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Fehlende Nachhaltigkeit

Einer der ersten Gründe, weshalb Sie einer Kunsthaartransplantation argwöhnisch gegenüberstehen sollten, ist die Tatsache, dass Sie an einer einmaligen Behandlung keine nachhaltige Freude haben werden. Wenn wir beispielsweise auf die Zahlen der Anbieter zurückgreifen, dann fallen pro Jahr etwa 10 bis 20 Prozent der verpflanzten Kunsthaarimplantate wieder aus. Das bedeutet, dass der Behandlungseffekt nach fünf bis spätestens zehn Jahren wieder völlig aufgehoben wäre.

Es dürfte an dieser Stelle aber wohl realistischer sein, höhere Ausfallquoten anzunehmen, als sie von den Anbietern der Kunsthaarimplantation angegeben werden. So sprechen behandelnde Mediziner, die Restaurationen nach einer Kunsthaarverpflanzung durchführen, davon, dass es pro Jahr vielmehr zwischen 20 und 50 Prozent wären (Imagawa, 2010). Zusätzlich zu diesem Fakt kommt die Tatsache, dass es keinen Grund dafür gibt, anzunehmen, dass der Verlust des Kunsthaares gleichmässig verlaufen würde. Vielmehr ist es so, dass eine Person eine bestimmte Vorliebe dafür hat, auf einer bestimmten Seite zu schlafen oder sich häufiger an der linken als an der rechten Kopfseite kratzt. Dementsprechend wirken an verschiedenen Orten auf der Kopfhaut unterschiedlich starke Kräfte auf die künstlichen Haare, was dazu führen kann, dass diese an unterschiedlichen Stellen auf dem Kopf unterschiedlich schnell ausfallen.

Das Einzige, was bei der Kunsthaarimplantation nachhaltig ist, scheint der Gewinn der Anbieter dieser Dienstleistung zu sein, denn indem bereits ein Verlust der künstlichen Haare in das Werbeangebot über die Implantation eingebunden wird, ist es so möglich, einen festen Kundenstamm für Nachimplantationen aufzubauen, solange die Kunden bereit sind, diese Prozedur mitzumachen.

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Fragwürdiger Nutzen der Silberionen

Wie eingangs erwähnt, sollen die Silberionen, mit denen die Implantate benetzt sind, eine antimikrobielle Wirkung vermitteln und so Entzündungen an der Einstichstelle vorbeugen. In der Theorie mag das plausibel erscheinen, jedoch ist die Anwendung in der Praxis nicht ganz so leicht. Richtig ist, dass Silberionen bereits in sehr geringen Konzentrationen antibakteriell (bakterienhemmend) und antifungal (pilzhemmend) wirken. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Silberionen mit bestimmten funktionellen Gruppen der Eiweisse dieser Organismen reagieren und diese so inaktivieren. Dieser Effekt gilt jedoch nur für die äussere Anwendung der Silberionen. Aus diesem Grund werden sie bevorzugt bei Cremes, Lotionen oder Seifen eingesetzt. Werden die Silberionen dagegen wie im Fall der Kunsthaarimplantate in den Körper eingebracht, ist es hochgradig unwahrscheinlich, dass auch dort eine antimikrobielle Wirkung vermittelt wird. Neben der Tatsache, dass diese Organismen per se in einem gesunden Körper unter der Haut nicht vorkommen, sondern, wenn überhaupt, durch den Einstich dort erst hingelangen, muss bedacht werden, dass der Patient den Silberionen wesentlich mehr körpereigene Eiweisse als Angriffsziele anbietet, als Mikroben vorhanden sein könnten. Der Effekt, welchen die Silberionen haben sollen, muss also als wenigstens fragwürdig, wenn nicht sogar irreführend bewertet werden.

Darüber hinaus kann auch an dieser Stelle noch einmal auf die US-amerikanische FDA verwiesen werden, die im Jahr 1999 eine eigene behördliche Praxis einrichtete, um das Bewerben von beispielsweise Nahrungsergänzungsmitteln mit Silberionen aufgrund des gesundheitlichen Risikos, von Nebenwirkungen sowie fehlender medizinischer Evidenz bezüglich der positiven Wirkungen zu überwachen und zu unterbinden.

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Mangelhafte Biokompatibilität

Trotz der Tatsache, dass die Kunsthaarimplantate seit der ursprünglichen Patentierung des Verfahrens immer weiterentwickelt wurden, ergibt sich aus ihrer Implantation ein zentrales Problem, das nicht beseitigt werden kann: Sie stellen für den Organismus einen Fremdkörper dar, woraufhin der Organismus eine Abwehrreaktion einleitet.

Im Zuge einer Eigenhaartransplantation, wie ich sie in meiner Klinik durchführe, besteht deshalb kein solches Problem, da das Zellmaterial nur von einer Stelle des Organismus an eine andere verpflanzt wird. Der Körper des Patienten erkennt dabei, dass es sich um körpereigenes Gewebe handelt, sodass keine Abstossungsreaktion eingeleitet wird. Anders liegt die Sache aber bei Geweben fremder Organismen oder künstlichen Materialien, denn hier findet immer eine gewisse Form der Abstossung statt (diese ist allerdings nicht in allen Punkten mit beispielsweise der Organabstossung nach einer Transplantation identisch).

Im Falle von biologischen oder halbbiologischen Kunsthaaren bestehen beispielsweise besondere Gefahren hinsichtlich des allergieauslösenden Potenzials der Haarimplantate. Die Reaktionen des Organismus können von einer leichten akuten bis zu einer schweren chronischen Entzündung reichen oder sogar soweit gehen, dass es infolge der Immunreaktion zu einem Zellsterben in der Nähe der Implantate kommt. Dieses allergene Potenzial mag bei synthetischen Kunsthaarimplantaten vielleicht geringer sein, jedoch kommen auch hier allergische Reaktionen vor.

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Entzündungen und Infektionen

Das Hauptproblem bei Kunsthaarimplantaten besteht jedoch, wie eingangs erwähnt, nicht zwangsläufig in dem genutzten Material. Vielmehr besteht ein systemisches Problem bei der Restauration mit Kunsthaar: Dieses liegt darin begründet, dass mit dem Einbringen des Kunsthaares in die Kopfhaut ein Wundkanal erzeugt wird, der nach aussen geöffnet ist.

Auch wenn die Kunsthaardienstleister betonen, dass das Kunsthaar aus demselben Material besteht wie Nähte, die in der chirurgischen Praxis alltäglich sind, so darf doch nicht vergessen werden, dass beispielsweise eine Naht im Bauchraum von der Umgebung abgeschirmt ist, da sie innen liegt und bei einem gesunden Menschen im Bauchraum keine Mikroben vorkommen, da dies schwerwiegende Erkrankungen zur Folge hätte. Demgegenüber ist es beim Kunsthaar so, dass der Wundkanal durch das eingebrachte Kunsthaar nicht abheilen kann und zugleich immer ein offener Zugang von aussen besteht. Dieser stellt die Eintrittspforte für Bakterien und andere Mikroben dar, die dann Entzündungsreaktionen auslösen, die weit über das ohnehin vorhandene allergene Potenzial des Kunsthaares hinausgehen. Zur Infektion muss es dabei zwangsläufig kommen, denn die Kopfverhältnisse bieten Krankheitserregern eine ideale Umgebung. Wird das Kunsthaar gewaschen, entsteht zwischen den Haaren wenigstens kurzzeitig eine sehr hohe Luftfeuchtigkeit und die über den Kopf abgegebene Körperwärme trägt zu idealen Wachstumsbedingungen bei. Die Folgen dieser offenliegenden Wunden sind daher zwingend Infektionen mit all ihren unerwünschten Effekten. Neben Entzündungen können Schwellungen entstehen. Aufgrund der andauernden Immunreaktion in der Kopfhaut kann es zu Nekrosen kommen. In der Folge können Nervenendigungen in der Kopfhaut geschädigt werden, was bis zum völligen Gefühlsverlust in den betroffenen Regionen führen kann. Gleichzeitig können Vernarbungen entstehen, da der Körper das nekrotische, also abgestorbene, Gewebe durch unspezifisches Bindegewebe ersetzt. Eine weitere Problematik besteht in einem nicht zu unterschätzenden Juckreiz, der durch die Infektionen und Entzündungen entsteht. Dabei kann es durch das Jucken zu einer stärkeren mechanischen Belastung der Kunsthaare und des verbliebenen biologischen Haares führen, sodass dieses auch nachhaltig geschädigt wird, was sich höchst schädlich auf das ästhetische Erscheinungsbild auswirkt. Weiterhin können weitere offene Wunden entstehen, welche den weiteren entzündlichen Prozess und damit den Gewebeuntergang fördern.

Für die betroffenen Patienten entsteht ein Teufelskreis, der nur durch die weiterführende medizinische Betreuung unterbrochen werden kann. In Fallbeschreibungen wird beispielsweise angegeben, dass Patienten mit einer fehlgeschlagenen Kunsthaarimplantation zunächst so lange Antibiotika einnehmen müssen, bis die Infektion auf ein bestimmtes Mass reduziert ist, damit überhaupt eine weiterführende Behandlung durchgeführt werden kann. An ästhetische Aspekte ist in einem solchen Fall zunächst nicht zu denken, denn es muss ein kuratives Therapieregime etabliert werden, um zunächst einmal die akuten Leiden zu lindern, bevor erneut an eine ästhetische Restauration der betroffenen Areale gedacht werden kann.

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Folgen für die Nachbehandlung

Daraus ergeben sich unter anderem schwerwiegende Folgen für eine Anschlussbehandlung. Die Antibiose muss zunächst so lange aufrechterhalten werden, bis keine weiterführende Infektion mehr nachweisbar ist. Im Anschluss daran gilt es, sich intensiv mit den betroffenen Patienten auseinanderzusetzen.

Einige der Betroffenen sind von den erlittenen Leiden derartig traumatisiert, dass sie es vorziehen, die Kunsthaarimplantate entfernen zu lassen. Auf Basis meiner Erfahrung ist mir bekannt, dass es sich dabei um einen für den Behandler und den Patienten sehr unangenehmen Prozess handelt, denn trotz der beschriebenen Nebenwirkungen der Behandlung sind viele Kunsthaarimplantate stark mit dem Kopfhautgewebe verwachsen und können nur mit einem starken Zug durch ein spezielles Instrument entfernt werden. Dabei können weitere Verletzungen entstehen, welche die Folgebehandlung erschweren.

Jedoch werden auch Patienten beschrieben, die nach der Entfernung des Kunsthaares laut über das Einsetzen neuer Implantate nachdenken. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass sie sich von dem unmittelbaren optischen Effekt einer Implantation so angezogen fühlen, dass sie die Komplikationen und Spätfolgen bereits wieder vergessen haben. Wieder andere Patienten möchten die verbliebenen Kunsthaarimplantate behalten und künftig mit einer Eigenhaartransplantation kombinieren. Solche Kombinationsbehandlungen werden auch von Anbietern der Kunsthaarimplantation vermittelt, jedoch muss dabei beachtet werden, dass die kleinste dann auftretende Infektion am Kunsthaar auf die eigenen implantierten Haarfollikel übergreifen und den Schaden so noch vergrössern kann. Es gibt aber auch Patienten, die nach dieser Erfahrung zum Ursprungszustand vor der durchgeführten Kunsthaarimplantation zurückkehren möchten, da sie das Vertrauen in jede medizinische Betreuung bezüglich einer Haarrestauration verloren haben.

An dieser Stelle ist immer sehr viel Fingerspitzengefühl gefragt. Patienten sollten in einem verantwortungsvollen Sinne zu keiner Folgebehandlung gedrängt oder überredet werden, dennoch muss ihnen noch einmal deutlich gemacht werden, dass eine erneute Kunsthaarimplantation mit möglicherweise noch katastrophaleren Folgen für die ästhetische Erscheinung verbunden ist, als sie durch eine vorangehende Kunsthaarimplantation schon verursacht worden sind. Im schlimmsten anzunehmenden Fall werden die Kopfhaut und das verbliebene eigene Haar so stark geschädigt, dass keine chirurgische Haarrestauration mehr möglich ist und beispielsweise Halb- oder Vollperücken beziehungsweise Toupets genutzt werden müssen.

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Appell: Mehr Aufklärung und besserer Patientenschutz

Jeder medizinische Eingriff birgt Gefahren und Risiken für die betroffenen Patienten. Das gilt sowohl für kurative als auch für palliative Behandlungen, wobei sich hierfür eine gut regulierte Aufklärungspraxis in den medizinischen Einrichtungen etabliert hat. Die Aufklärung über mögliche Risiken nimmt dabei gerade auf dem Gebiet der ästhetischen und plastischen Chirurgie eine besonders bedeutsame Rolle ein, da nicht jedem dort durchgeführten Eingriff eine medizinische Indikation zugrunde liegt. Gerade, wenn keine Bedrohung für die psychische oder physische Gesundheit durch eine Nichtbehandlung besteht, müssen die Risiken und Chancen, die eine Behandlung oder ein Eingriff mit sich bringt, genauestens gegeneinander abgewogen werden. Zugunsten eines schnellen Profits scheinen viele unseriöse Anbieter eine derartige Arbeitssorgfalt gerne zu vergessen, sodass in der Folge immer noch viel zu viele Kunsthaarimplantationen durchgeführt werden. Die Patienten, bei denen das Verfahren die aufgezeigten negativen Folgen hatte, kommen dann oft verzweifelt in unsere Klinik und werden, sofern dies möglich ist, im Rahmen einer Nachbehandlung betreut.

Angesichts des heutigen wissenschaftlichen Kenntnisstandes, der Erfahrung behördlicher Stellen mit solchen Behandlungen und meiner persönlichen Berufserfahrung erscheint es mir katastrophal, dass die Kunsthaarimplantation in vielen Ländern dieser Welt durch die zuständigen Behörden weiterhin als Behandlungsverfahren akzeptiert und zugelassen wird. Prinzipiell wäre es die Aufgabe dieser Behörden, für eine strengere Überwachung der gesundheitsmedizinischen Arbeitspraxis zu sorgen und derartige Behandlungsverfahren zu unterbinden, so wie es die FDA bereits vor fast 35 Jahren in den Vereinigten Staaten getan hat.

Da, wo die Behörden zu versagen scheinen, sind die seriösen Mediziner und andere Behandler umso mehr aufgefordert, die Patienten verantwortungsbewusst aufzuklären und für ihren Schutz einzustehen. Denn oftmals scheint es so zu sein, dass preisgünstige Angebote und eine schnelle Behandlung eine stärkere Anziehungskraft auf die Patienten ausüben als eine gründliche Aufklärung. Das ist nicht der Fehler der Patienten, sondern derjenigen, die solche fragwürdigen Methoden trotz der erheblichen bekannten Risiken und negativen Folgen aufgrund finanzieller Interessen praktizieren. An dieser Stelle sind die verantwortungsvollen Behandler gefragt, eine umfassende Aufklärungspolitik zu betreiben, um die Patienten vor unüberlegtem Handeln und den falschen Versprechen der Kunsthaardienstleister zu schützen!

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