Eigenhaartransplantation mittels Crosspunch-Methode (Fallbeispiele)

Zusammenfassung

Der Haarausfall, welcher infolge einer androgenetischen Alopezie resultiert, setzt die davon Betroffenen häufig unter einen großen Leidensdruck. Es wird ein 48-jähriger Patient kaukasischer Abstammung vorgestellt, der unter androgenetischer Alopezie leidet und mit der Crosspunch-Methode behandelt wurde. Dabei werden Feintransplantate in gegeneinander abgestuften Winkeln von 5 bis 8° in das Empfängerareal eingesetzt, um so eine höhere optische Haardichte zu erreichen. Für den Patienten und die Therapeuten konnte mit der verwendeten Methode ein sehr zufriedenstellendes Ergebnis erreicht werden.

Schlüsselwörter

Alopezie, Haarfollikel, Grafts, Haartransplantation, Winkelvariation

Für die meisten Menschen ist ihr äußeres Erscheinungsbild die wichtigste Möglichkeit zur Einschätzung der ästhetischen Selbstwirksamkeit. Diese kann durch verschiedene Faktoren negativ beeinträchtigt werden. Diese Beeinträchtigung kann soweit gehen, dass die Betroffenen ärztlichen Rat suchen, weil der subjektive Leidensdruck für sie infolge der optischen Veränderung zu groß wird. Eine dieser Veränderungen, die für die oftmals Anlass zur medizinischen Intervention gibt, ist der sichtbare Verlust des Haupthaars, auch Alopezie genannt.
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Falldarstellung

Anamnese

Bei dem behandelten Patienten handelte es sich um einen 48-jährigen Mann kaukasischer Abstammung. Zum Zeitpunkt der Eingriffe war der Patient verheiratet, von durchschnittlicher Statur und Größe. Er gab an, regelmäßig sportlich aktiv zu sein und keinen Alkohol oder Tabak zu konsumieren.

Für einen chirurgischen Eingriff konnten im Zuge der Anamnese und auch der Aufklärung keine Kontraindikationen festgestellt werden.

Der Patient gab an, unter seinem zunehmend ausgedünnten Haar zu leiden. Dabei fühlte er sich in seiner ästhetischen Erscheinung derart beeinträchtigt, dass er eine Eigenhaartransplantation in Betracht ziehe, um die subjektive Einschränkung der Lebensqualität beseitigen zu lassen.

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Befund

Abbildung 1: Stirnansatz des Patienten vor Behandlungsbeginn

Abbildung 1: Stirnansatz des Patienten vor Behandlungsbeginn

Abbildung 1 zeigt den Stirnhaaransatz des Patienten von vorn. Dabei ist erkennbar, dass das Haupthaar ausgehend von der Stirn hin zur Tonsur zunehmend ausgedünnt war. Das Erscheinungsbild der Hautoberfläche war klinisch unauffällig. Der Patient verfügte über ein ausreichendes Donorareal, sodass alle Voraussetzungen zur Durchführung einer chirurgischen Intervention gegeben waren.

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Diagnose

Entsprechend der geltenden Standards [1] wurde die Diagnose der androgenetischen Alopezie bei diesem Patienten ohne weiterführende Laborbefunde anhand seines klinischen Erscheinungsbildes gestellt.

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Therapie und Verlauf

Im Zuge der diagnostischen Beurteilung des Patienten wurde entschieden, dass dieser mit der Crosspunch-Technik behandelt werden sollte.

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Chirurgischer Verlauf

Die Entnahme der zu verpflanzenden Follikel erfolgte unter Anwendung der S & P-Extraktion [2]. Dafür wurden zunächst bis zu 120 Standardgrafts aus dem Donorareal extrahiert, welche anschließend zu sogenannten Micrografts verarbeitet werden. Das bedeutet, dass aus den 120 Standardgrafts je nach Erfordernissen der Behandlung bis zu 1.400 Feintransplantate hergestellt werden, die jeweils ein bis vier Haarfollikel enthalten. Die Entnahme der Standardgrafts erfolgte dabei mit einem 5-mm-Bohrer, wobei die einzelnen Bohrungen dicht nebeneinander gesetzt wurden, um später eine wellenförmige und möglichst unauffällige Vernarbung des Areals zu gewährleisten. Im Zuge der Entnahme wurden bei dem Patienten 143 Standardgrafts entnommen. Im Zuge beider Sitzungen wurden insgesamt 1.666 Micrografts transplantiert.

Während der ersten Operationssitzung wurden insgesamt 71 Standardgrafts mit einem Durchmesser von 5 mm entnommen. Aus zehn von diesen wurden Micrografts mit einem Durchmesser von 1 mm hergestellt, was 190 Micrografts ergibt. Aus den 61 verbleibenden Standardgrafts wurden 690 Micrografts mit einem Durchmesser von 1,25 mm hergestellt. Dementsprechend wurde das Empfängerareal mit einem Hohlbohrer von 1-mm- beziehungsweise 1,25-mm-Durchmesser für das Einsetzen der Micrografts vorbereitet.

In der zweiten Operationssitzung wurden 72 Standardgrafts von 5 mm Durchmesser entnommen, wovon aus neun wieder Micrografts mit einem Durchmesser von 1 mm hergestellt wurden. Dies resultierte in 160 1-mm-Grafts. Die verbleibenden Standardgrafts wurden in 626 Micrografts mit einem Durchmesser von 1,25 mm gesplittet.

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Prinzip der Crosspunch-Methode

Bei dieser Methode wird das Empfängerareal mit einem Hohlbohrer geringen Durchmessers (hier 1 beziehungsweise 1,25 mm) in fein abgestimmten Winkeln vorbehandelt. Die Transplantate werden dann in gegeneinander verlaufenden Winkeln (circa 5 bis 8°) in das Empfängerareal eingesetzt. Auf diese Weise lässt sich die Wuchsrichtung der späteren Haare aus ästhetischer Sicht besser bestimmen. Das Einsetzen in seitlich gegeneinander versetzte Winkel erzeugt so den Eindruck eines höheren Haarvolumens. Dabei werden die Haare von Beginn an (von der Haarlinie abgesehen) sowohl links- als auch rechtsgewinkelt eingesetzt.

 Illustration der Haartransplantationstechnik Crosspunch aus der Ansicht von Oben und Darstellung des kreuzweisen schrägen Einsetzwinkel der Haarimplantate

Abbildung 2 zeigt schematisch, wie das Einsetzen der Transplantate in die Empfängerfläche mit gewinkelt angesetzten Bohrungen vorbereitet wird.

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Follow-Up

Der Patient zeigte sich zwölf Monate nach der ersten Operation zufrieden mit dem Ergebnis. Im Zuge der beiden Eingriffe klagte der Patient nicht über Schmerzen oder Unverträglichkeiten, sodass von einer komplikationsfreien Behandlung ausgegangen werden kann. Die Narben im Donorareal waren unauffällig verheilt und beeinträchtigten das optische Gesamtergebnis der Behandlung nicht.. Die Abbildungen 3 und 4 zeigen den Patienten vor der Behandlung, drei Monate nach der ersten Operation und das Behandlungsergebnis zwölf Monate nach der ersten Operation.

Abbildung 3: Stirnansatz des Patienten 3 Monate nach der ersten Operation

Abbildung 3: Stirnansatz des Patienten 3 Monate nach der ersten Operation

Abbildung 4: Abschließendes Behandlungsergebnis

Abbildung 4: Abschließendes Behandlungsergebnis

Ergebnis hat die Intervention dazu geführt, dass der Haaransatz des Patienten wesentlich voller wirkt als vor der Intervention.

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Diskussion

Um bereits am Haaransatz ein natürliches Aussehen zu erzielen, ist zu beachten, dass bei der Rekonstruktion der Haarlinie die Haarwuchsrichtung der natürlichen Richtung entspricht und erst danach die Crosspunch-Methode angewendet wird. Crosspunch kann dabei auch bei großen Kopfhautarealen, wie frontal von der Haarlinie bis zum Mittelkopf, vom Mittelkopf bis zum Haarwirbel sowie auf dem ganzen Oberkopf, angewendet werden. Einschränkungen der Crosspunch-Methode liegen vor, wenn es um die Behandlung von Geheimratsecken oder zu kleinen Empfängerarealen geht. Hier kann durch Crosspunch ein künstlicher beziehungsweise unnatürlicher Eindruck vom Ergebnis entstehen. Auch für Augenbrauenrekonstruktionen, Bart- und Schnauzbartrekonstruktionen ist diese Methode nicht geeignet.

Dass der Einsatzwinkel für das Behandlungsergebnis von großer Bedeutung ist, wurde auch von anderen Autoren untersucht. So wird berichtet, dass die maximale Anzahl an Grafts, die in einen 1 cm² Kopfhaut implantiert werden kann, mit der Formel 33 * cos α berechnet werden kann, wobei α der Winkel ist, welcher von der Wuchsrichtung und der Kopfhaut eingeschlossen wird. Daraus ergibt sich, dass die Maximalanzahl transplantierbarer Grafts von der Graftgröße, dem Winkel α und der Distanz zwischen den Grafts abhängt [3].

Miao et al. verweisen darauf, dass diese Zahlen auch in Abhängigkeit von der Ethnie des Patienten gesehen werden müssen. Dabei sind ihrer Ansicht nach vier Faktoren für das ästhetische Ergebnis erfolgsbestimmend, wozu insbesondere die Donorregion, Wuchsrichtung beziehungsweise Einsatzwinkel der Transplantate, die Dichte der Transplantate sowie ihre spätere Überlebensrate gehören. Für Ostasiaten geben sie 35 bis 40 Grafts pro Quadratzentimeter am Skalp an, was bei 75 natürlich vorhandenen Follikeln pro Quadratzentimetern einer Graftgröße von etwa zwei Follikeln entspricht. Diese Angaben stehen in Einklang mit den hier vorgestellten Daten, wenn die Ethnie berücksichtigt wird. Abweichend von den hier vorgestellten Erfahrungen berichten Miao et al. jedoch, dass die Transplantate immer in der natürlichen Wuchsrichtung eingesetzt werden sollten [4]. Diese Empfehlung kann unter Umständen dadurch gerechtfertigt werden, dass Ostasiaten häufiger über sehr glattes und dickes Haar verfügen, was bei einem versetzten Winkel von 5 bis 8° zu einem ästhetisch schlechteren Ergebnis führen würde.

Im Zuge einer weiterführenden Literaturrecherche konnten jedoch keine Angaben gefunden werden, die konkrete Einsetzwinkel für die Feintransplantate nennen. So gibt beispielsweise Umar an, dass die natürliche Haardichte stark variieren kann und in Abhängigkeit von der Lokalisation zwischen 15 und 60 Follikeln pro Quadratzentimeter schwankt, was in Einklang mit den hier berichteten Erfahrungen und den Zahlen von Miao et al. steht. Weiter führt Umar an, dass die Implantate in einem angemessenen Winkel, der in Einklang mit dem übrigen Erscheinungsbild des Kopfes steht, eingesetzt werden sollten. Jedoch werden keine konkreten Angaben gemacht, wie sich dieser Winkel bestimmt [5].

Auf Basis des hier vorgestellten Falls und der bisherigen Erfahrungen kann davon ausgegangen werden, dass die Crosspunch-Methode in besonderem Maße geeignet ist, wenn ein optisch hohes Volumen bei gleichzeitig wenigen Transplantaten erreicht werden soll. Auf Basis bisheriger Erfahrungen sollten die Micrografts dazu nach der Rekonstruktion der Haarlinie in einem Winkel von 5 bis 8° zueinander versetzt verpflanzt werden.

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Fazit für die Praxis

  • Glattes Haar erzielt ein niedrigeres optisches Volumen als gelocktes oder krauses Haar, was bei einer Eigenhaartransplantation entsprechend beachtet werden muss.
  • Das Einsetzen der Micrografts in gegeneinander abgestufte Winkel kann diesen Effekt, der bei lockigem Haar von Natur aus vorliegt, auch für glattes Haar erzielen, wodurch sich unter Umstände eine Verringerung der Anzahl zu verpflanzender Grafts ergibt.
  • Die Methode ist jedoch nicht Geheimratsecken oder zu kleine Empfängerareale geeignet und auch die Ethnie des Patienten sollte bei der Abwägung berücksichtigt werden.

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Interessenskonflikt

A. Lehmann gibt an, dass kein Interessenskonflikt besteht.

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Literaturverzeichnis

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